
Über den Baum ist schon so viel geschrieben worden, dass ich hier nicht auf die Symbolik, die Erscheinungsform oder gar die Sprache der Bäume einzugehen möchte, sondern versuchen zu erklären, wie ich dazu kam, mich mit dem Baum als Sujet zu beschäftigen.
Natürlich schwingen die kulturellen Überlieferungen in meinem Kopf mit und finden unweigerlich den Weg in meine Bilder. Besonders spricht mich der winterliche Baum an, die Strukturen und Formen der Baumkrone. Schon alles gesehen? Kitsch to go? Kann ich überhaupt einen frischen Blick auf den Baum haben?
Diese Frage stellte ich mir, als ich mit meiner Kollegin Doreen Becker sechs Wochen lang ein temporäres Atelier in der Essener Innenstadt führte. Wir waren durch die große Glasfront immer zu sehen, sechs Stunden täglich mussten wir so tun, als ob wir arbeiten. Das haben wir auch. Es war leichter als zunächst gedacht.
Als wir uns auf das von ihr vorgeschlagenen Thema Baum einigten, war ich skeptisch. Wie, dachte ich, sich lösen von allem anderen, was schon vorher in der Kunst mit diesem Motiv angestellt worden war? Von der reinen Abbildung, malerisch-romantisch oder zeichnerisch-analytisch bis zu Installationen in der Biennale in Venedig 2009, in der ein Baum samt Wurzeln kopfüber von der Decke hing und in einem anderen Pavillion ein 12-meterlangen Stamm liegend, mit Stoff, Garn und Ton verarbeitet, präsentiert wurde.
Als ich am Bahnhof draußen auf dem winterlichen und selten gefegten Bahnsteig wartete, sah ich Samenkapseln in großer Zahl herumliegen. Damit entstand die Idee einer Herangehensweise: Ich würde mich von der Mikro- zur Makroform des Baums arbeiten.
Foto rechts: Papierschale mit Abrieb eines Stücks Baumrinde
Von diesem Zeitpunkt an, nahm ich viele herumliegende Baumteile wahr: Ahornsamen, Kastanien, natürlich, von der Rosskastanie mit dem wunderbaren Namen Aesculus hippocastanum, aber auch die Träger der Frucht. Wie in der Kindheit fing ich an, alles von der Straße bzw., dem Bahnsteig aufzuheben, was mir interessant vorkam - kleine Stücke Rinde, abgebrochene Ästlein, zum Teil mit hochinteressanten Flechten umhüllt.
Foto links: Ahornsamen mit der geriebenen Baumrinde gezeichnet
Mit diesem Fundus fing ich an, kleine Farbskizzen mit Tusche oder Gouache zu fertigen und tastete mich an den Baum heran. Wichtig war es mir, nicht zum Pinsel zu greifen, was mich unweigerlich ins gefällig-weiche Nachmalen führen würde, sondern mit Stöcken als Malstiften und Zeichenutensilien zu arbeiten, die die Linienführung erschweren und Zufälliges zulassen.
Foto rechts: Aus dem Arbeitstagebuch
